Tja, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Über manches möchte ich nicht schreiben, weil das so ganz und gar uninteressant ist. Über manches will ich nicht schreiben, weil es niemand was angeht. Ich möchte mich aber mit Euch unterhalten, und da denke ich, Ihr habt ein Recht darauf zu wissen, mit wem Ihr es zu tun habt. Also versuche ich es mal.
Ich bin die Gudrun, stamme aus einem Dorf bei Altenburg und habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ich nach dem Studium in Leipzig bleiben konnte. Das war in tiefsten DDR-Zeiten nicht ganz einfach. Am liebsten wäre ich direkt neben den Hauptbahnhof in Leipzig gezogen, dorthin, wo meiner Meinung nach das wahre Leben tobte. Die laute, hektische Stadt störte mich überhaupt nicht, denn ich war ja selber laut und hektisch.
Seit der ersten Klasse wollte ich Lehrer werden, und war es dann irgendwann auch. Allerdings habe ich mich in ein „Fachgebiet“ drängen lassen, das mir nicht gefiel und in dem ich mit meiner Art und Einstellung auf Dauer nicht zu recht kam. Die Pädagogik hat mich allerdings mein ganzes Leben lang nicht losgelassen.
Ich versuchte in „normalen“ Schulen zu kommen, wollte dabei sein, wenn die ganz Kleinen Lesen und Schreiben lernten, und durfte es nicht, weil ich laut Zeugnis von der Uni Lehrer für Erwachsene war. Nach einigem Mühen bin ich im Schulhort gelandet. Das war eine gute Zeit. Und nun war ich doch da, wo ich hin wollte. Wir haben mit Äpfeln und Birnen gerechnet, und wenn es mal gar nicht klappte (bei Minusaufgaben am Anfang), dann eben mit Gudruns. Es war schön zu sehen, wie die Kinder lachten, auch wenn mancher Mund gerade etwas zahnlos war. Die Minusaufgaben waren plötzlich kein Problem mehr und wenn die Kinder in der Hitze des Gefechtes „Mutti“ zu mir sagten, wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte.
Und dann kam der Tag, an dem die Stadt Leipzig auf einen Schlag mehrere hundert Erzieher entlassen hat, ohne Abfindung und Sozialplan natürlich. Als ich am letzten Schultag vor den Ferien nach Hause kam, lag in meinem Briefkasten die Kündigung, unterschrieben von Herrn Tiefensee, der damals Oberbürgermeister der Stadt Leipzig war. Herr Tiefensee kennt mich nicht, aber ich ihn. Ich bin froh, dass ich ihn im Fernsehen nicht mehr sehen muss. Wie ich die vier Wochen Kündigungsfrist, Ferienspiele, überstanden habe, weiß ich heute nicht mehr. Ich war einfach nur krank.
Es gab später noch viele Höhen und Tiefen, Neuanfänge – gewollt und ungewollt, aber ich habe immer darauf geachtet, dass ich so eine Breitseite nicht wieder bekomme.
Es brach eine Zeit des Lernens an: Buchhaltung (naja), Sprachen auffrischen (hat mich beruflich nicht weiter gebracht), Grafikprogramme, Adobe Photoshop, HTML (das habe ich dann auch einige Jahre unterrichtet, bis das Arbeitsamt auf die Idee kam, dass genug Mediengestalter ausgebildet worden sind). In einem Freizeitpark habe ich Fahranlagen bedient, Kinder bespielt und Erwachsene unterhalten. Ich habe gelernt, Schafe zu hüten und mit Hütehunden klar zu kommen. (Zu Beginn verstanden wir uns überhaupt nicht.) Im Reformhaus habe ich gerne gearbeitet, denn ich hatte unglaublich nette Kollegen und habe mir viel Wissen aneignen können, über Naturkosmetik, gesunde Ernährung und Naturheilmittel.
Meine drei Kinder sind erwachsen geworden und gehen ihre eigenen Wege.
Und ich? Mal schauen, was das Leben noch so für mich bereit hält.

…hast du deine Geschichte neu hier rein geschrieben, liebe Gudrun? Oder habe ich das bisher einfach übersehen? Jedenfalls habe ich das jetzt wirklich gern gelesen, einiges klang ja im Blog schon mal durch, und ich habe das Gefühl, dich ein bißchen besser kennengelernt zu haben…danke für deine Offenheit…
ich freue mich, deinen Blog gefunden zu haben und schon eine Weile lese ich gern hier, nicht nur, aber auch weil du immer so liebevoll von meiner Heimatstadt berichtest und weil mir deine Zeichnungen so gut gefallen und deine Art zu erzählen und deine Sicht auf die Welt und alles was darin kreucht und fleucht…
liebe Grüße von Birgitt
[Antwort]
Meine Wurzeln sind nah bei Leipzig, in Markranstädt. Ich habe ein Bild von mir, was Deinem in Sachen Alter, Pullover und Haarpony sehr ähnlich ist.
Ich lasse mal ein paar Grüße hier. Du hast ein schönes -über mich- gestaltet. Ich habe meines in tabellarischer Form im Blog hinterlegt. Es ist in der Tat immer schwer, sich der fremden Welt vorzustellen, ohne zu privat zu werden aber auch nicht zu oberflächlich. Du hast da einen guten Mittelweg gefunden.
von
Trixie
[Antwort]
Wow, das liest sich ja nach einem alles andere als langweiligem Leben. Toll, dass du nach all den Rückschlägen nie den Mut verloren hast! Jetzt bin ich aber neugierig, wie man, wenn man eigentlich Grundschulkinder unterrichten möchte, zu den Schafen kommt
Ich kann mir vorstellen, dass man unter Schafen gut zu sich selbst findet. Denn dort ist sicher desöfteren weites Land und viel Ruhe…
GLG Sunny
[Antwort]
Oh ja, es gab schon verdammt viele Turbulenzen. Und als es gerade wiedermal reinhämmerte, traf ich auf die Schafherde. Der Kontakt zu Schafen, Hütehunden und Schäfern wurde so vertraut, dass ich selber hüten war. Zumindest eine Zeit lang. Das hat mir gut getan und mich wieder zur Ruhe kommen lassen. Das siehst du genau richtig.
Willkommen übrigens bir mir. Ich freue mich, dass du da bist.
[Antwort]
Das glaube ich dir gerne. Und um ehrlich zu sein, ich habe in diesem Jahr schon öfter überlegt, auch mal eine ähnliche Auszeit zu nehmen. Ich habe einen Artikel über eine Schäferin gelesen, die auch aufgrund einer Krise zum Hüten kam, der hat mich sehr fasziniert.
Danke für dein Willkommen
Ich werde hier sicher öfter vorbeikommen, es gefällt mir gut bei dir. Aber nicht wundern, manchmal verschwinde ich auch wieder länger in der Versenkung
Herzlich, Sunny
[Antwort]
Moin,
ein interessanter Blog, eine interessante Geschichte – die einmal mehr zeigt, dass der Weg des Lebens manchmal ganz schön zickzack verlaufen kann.
Ich wünsche dir, dass das Leben nun einen guten Weg für di ch bereit hält, so im Sinne von mehr geteerter Straße statt holprigem Feldweg mit Schlagköchern drin ^^
Viele Grüße vom Sven, der auch “zickzack” kennt ^^
[Antwort]
Oh das klingt spannend! Deinen Blogeintrag zum Herbst und der Nikolaikirche habe ich schon gelesen. Ich werde wieder kommen.
Schönen Sonntag noch und schönen Reformationstag!
[Antwort]